Dienstag, 28. Juni 2011

ja nicken, oder?

Mir ist schlecht und ich weine du sagst was ist los ich sag' nichts alles du sagst was alles, und ich sag' alles ist anders du sagst inwiefern und ich sag' der Lärm! Er breitet sich aus du gehst raus schreist kurz komm rein sag' ich. Alles ist anders weisst du? Wie, fragst du und ich zähle auf dann lass ich's und du sag' ich verstehst nichts träumst nicht gehst einfach immer sag ich.

Komisch sagst du es regnet ja draussen und sonst so frag' ich alles okay, sagst du. Grinsend schweifen wir aneinander vorbei oder oder was fragst du nichts sag' ich und mir ist schlecht immer noch fragst du ja. Ja warum ändern sich Sachen immer so und nach dem Lachen steh' ich da und versteh' gar nichts mehr du auch nicht frag ich nein sagst du. Langweilig wär' es ohne die Einmischung der Zeit sagst du philosophisch irgendwie und ich weine noch aber sage ja und traurig mit oder?
Oder? Oder? Oder? Oder?
Nein sagst du traurigsein ist eine Entscheidung das bin ich frag' ich eine Entscheidung ich weiss ja sag' ich für was du dich entscheidest die Freiheit ohne Risiko und ewig wartest du sag' ich auf was?

Ach herrje sagst du auf garnichts doch sag' ich auf irgend etwas immer auf dass du nicht mehr meinst du müsstest warten du lachst.
Der Gedanke ist zu verwirrend sagst du ich nicke aber wahr sag' ich du glaubst nämlich dass du dann weisst wenn du nicht mehr warten musst, was fragst du ich wiederhole aber nicht tschüss sagst du.

Ich nicke.

Montag, 27. Juni 2011

Tintenfischschwarz

Deine schwarzen Augen sehen mich an. Ich habe noch nie solche Augen wie diese gesehen … Und obwohl sie alles sind, was ich will, weiß ich, dass das mit uns einem schwarzen Abgrund gleicht. In den ich falle und falle und falle … und du bist nicht da, um mich aufzufangen. Denn du stehst oben und hast mich herab geworfen.
Wenn ich dir in die Augen sehe, habe ich das Gefühl ich blicke direkt in den Abgrund, in den ich fallen werde. Aber ich tue es freiwillig. Jedes Jahr aufs Neue. Jedes Jahr aufs Neue stelle ich mich an den Rand und sehe hinunter und warte nur darauf, dass du mich stößt und ich falle.
Deine Augen sind ein Versprechen. Sie sind das Versprechen, dass das nicht gut ausgeht und dennoch … dennoch hoffe ich jedes Mal, dass es doch noch irgendeine Möglichkeit gibt … aber die Hoffnung ist nur die Gespielin der Ohnmacht. Sie ist ein Biest. Sie gibt einem einen Moment Kraft, um einen dann wieder zu enttäuschen. Die Hoffnung scheint deine beste Freundin zu sein, deine Affäre. Deine große Liebe. Obwohl ich da bin und warte um all das für dich zu sein. Aber im Grunde warte ich nur auf den Fall. Und er kommt jedes Mal. So zuverlässig wie die Sonne im Westen untergeht und die Welt in Tintenfischschwarz taucht …
Ich komme nie unten an. Ich falle, um dann wieder von dir aufgefangen zu werden, wenn du dich entschieden hast, mich abermals in dein Leben zu lassen. Und wieder trägst du mich nach oben, wieder trägst du mich auf Händen, nur um mich dann abermals fallen zu lassen … aber diesmal lande ich. Diesmal komme ich unten an und dann gibt es keine Leiter mehr, die mich zu dir nach oben bringen kann und wenn doch, werde ich sie niederbrennen und das Tintenfischschwarz verdrängen und alles in Flammen setzen, um kein Schwarz mehr übrig zu lassen.
Denn obwohl deine beste Freundin die Hoffnung ist, habe ich die Wut auf meiner Seite, die Wut, mein bester Freund … der genauso zuverlässig kommt, wie deine schwarzen Augen mich um den Verstand bringen …
Und diesmal lasse ich keinen Platz für die Hoffnung. Diesmal ist da nur die Wut. Denn wenn ich unten ankomme, bin ich allein, aber ich bin nicht so einsam, wie ich es mit dir zusammen bin.
Noch falle ich zwar, aber der Boden kommt immer näher … immer näher ...

Sterbend


Ich sehe ihm schon seit einigen Tagen zu, wie das Leben langsam aus seinem schmalen Körper weicht. Wie er von Tag zu Tag an Farbe verliert und selbst die Sonne und das Wasser, das ich ihm gebe nicht mehr helfen. Mir wird klar, es ist vorbei. Ich muss mich von meinem guten, treuen Freund verabschieden, denn er stirbt ...
Angefangen hat alles ganz einfach ... im Supermarkt habe ich ihn entdeckt und bin sofort auf ihn aufmerksam geworden. Ich habe meinen Blick nicht mehr von ihm losreißen können. Er war so wunderschön, hat mir sofort Appetit auf mehr gemacht - kurz um, ich habe ihn mit nach Hause genommen. Es war Liebe auf den ersten Blick, ich kam einfach nicht an ihm vorbei.
Er war dankbar, hat mich verwöhnt und mir jeden Tag aufs Neue ein Lächeln auf die Lippen gezaubert.
Wir haben oft abends zusammen gegessen, er hat jede Mahlzeit noch appetitlicher gemacht, allein durch seine Anwesenheit. Am liebsten mochte er meine selbstgemachte Tomatensauce. Ich habe mich um ihn gekümmert, als es ihm nicht so gut ging, als der Winter kam und er sich hat hängen lassen, gleichsam hat er mich versorgt.
Meine Freunde mochten ihn auch. Jeder einzelne von ihnen fand ihn sofort sympathisch. Keiner konnte an ihm vorbeilaufen, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Er breitete sich bei mir zu Hause aus, als hätte er nur darauf gewartet hierher zu kommen.
Er war mein König und lasst euch das gesagt sein: Das waren 20 Zentimeter. Mindestens!
Ich war so stolz auf ihn, habe ihn gehegt und gepflegt wie meinen Augapfel … aber jetzt … er ist dabei zu sterben und ich kann nichts dagegen tun.
Unsere Beziehung hatte von Anfang an ein Verfallsdatum. Solche wie er schaffen es einfach nicht länger als vier Monate. Solche wie er können nicht lange bei jemandem bleiben.
Ich habe um Rat gefragt, was ich tun kann, um ihn zu halten … aber alles war vergebens. Er wollte nicht mehr. Er hat den Lebenswillen aufgegeben … und jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als ihm dabei zu zusehen, wie er sich langsam aus unsere Welt verabschiedet. Er will nicht mehr und das muss ich akzeptieren. Es ist okay, irgendwann muss jeder gehen. Aber es bricht mir das Herz. Er war doch noch so jung …
Ich weiß nicht, ob ich ihn zu Tode geliebt habe, ob ich es mit meiner Fürsorge übertrieben und ihn somit in den Tod gestürzt habe …
Aber er wird nicht mein letzter gewesen sein … da bin ich mir sicher. Wenn die richtige Zeit kommt, werde ich mich neu verlieben …




Oh, ich werde dich vermissen, du mein Basilikumstrauch!

Sonntag, 26. Juni 2011

Anti-Surrealismus und die CoBrA Philosophie

Gründung, Politik, Breton

Im November, Jahr 1948, fand in Paris eine Konferenz in der „Centre international de documentation sur l’art d’avant-garde“ statt, in der vor allem Surrealismus im Vordergrund stand. Sechs Männer zeigten ihre Ablehnung in dem sie aufstanden und raus gingen, enttäuscht von dem was als Avantgarde dargestellt wurde. Aus Protest waren sie nun alle draußen; Christian Dotrement, Constant, Corneille, Asger Jorn, Joseph Noiret und Karel Appel; sie hatten einen Kaffee und den Drang was Neues zu beginnen, das avantgardistischer wäre als das was ihnen gerade in der Konferenz vorgelesen wurde.
Verschiedene Erzähler, verschiedene Quellen; verschiedene Meinungen in Bezug auf wer sich an diesem November Tag nun tatsächlich in diesem Café befand. Fakt ist, dass Dotrement ein Statement verfasste worin sich die Künstler einigten zusammen zu arbeiten; Dänen, Holländer, Belgier. Aus den jeweiligen Hauptstädten der Länder stellte sich der Name CoBrA (Copenhague, Bruxelles, Amsterdam) zusammen, und innerhalb der darauffolgenden Monate kamen mehr Künstler dazu, um Teil dieser neuen, als ‚anti-surrealistische Bewegung’ -gestarteten Künstlergruppe zu sein.
Zusammen arbeiten, ohne seine individualistische Art zu verlieren; sie wollten spontane Kunst, und die Freiheit genießen, kreativ zu sein. ‚Ils ne faisaient de l’art que pour écarter les barreaux de la prison et inviter chacun de nous faire de même’ (*1); sie wollten selbst die Antwort geben, die sie in der Konferenz gesucht hatten; aus ihren Vorstellungen und Träumen etwas reales auf die Beine stellen, um zu beweisen das Freiheit doch existierte, auch in nachkriegszeiterschüttertes Europa.
André Breton war ein Schriftsteller, Dichter und Theoretiker den man schon zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nicht von Surrealismus trennen konnte, denn schon vor seinem Exil (wie auch danach, als er nach Kriegsende nach Frankreich zurückkehrte) erläuterte er durch Publikationen(*2) und Ausstellungen(*3) seine Definition von Surrealismus. Das Mystische hing sehr im Vordergrund, und die kommunistischen Verbindungen die Breton früher einmal pflegte lehnte er nun ab. Umso verständlicher ist es, dass obwohl Dotremont und Breton sich trafen, ihre verschiedenen Ansichten in Bezug auf Surrealismus und Politik jegliche Möglichkeiten einer zukünftigen Zusammenarbeit ausschloss. CoBrA war kommunistisch angehaucht, und von Magie oder Mystik hielten sie wenig. ‚Die Artisten der CoBrA-Gruppe teilten das kommunistische Gedankengut von Karl Max’ (*4); Breton trat nach seiner Rückkehr aus der Kommunistischen Partei aus.
Kann dadurch gleich von einer anti-surrealistischen Gruppe die Rede sein? Die Kunst von Bretons Gruppe wollte intellektualisierend wirken (Er gründete zum Beispiel im Jahr 1936 ‚Contre-Attaque’: eine Gruppe linke Intellektueller) während CoBrA einen Fokus auf eine freie, naive Kunst ausübte. Keine Kunst-Art, kein Kunstwerk wurde angestrebt; die Freiheit blieb immer im Vordergrund. Wenn sich zwei Künstler trafen, ließen sie sich ungeplant inspirieren; Zusammenarbeit war schließlich CoBrAs Aufruf zu einer Kulturrevolution:
‚(…) et c’est là que Cobra a ouvert sa plus forte originalité- le poète et le peintre travaillant par rapides alternances, jusqu’à un quasi-synchronisme, par inspiration réciproque immédiate.’(*5) Dotrements Verfassung (elf Jahre nachdem sich CoBrA bereits aufgelöst hatte) unterstreicht eine ‚Originalität’ die bei CoBrA zutrifft und einen revolutionären Beigeschmack hinterließ- und immer noch hinterlässt.
Pierre Descargues beschreibt die ‚CoBrA’ Fundamente dementsprechend simple:
‘Les fondements de COBRA? C’était tout réinventer à l’écart des générations précédentes et confronter le commencement de chacun à celui des autres. Pour voir si deux isolements réunis produisaient mieux qu’un maître et son école. Il fallait casser les circuits d’autorité pour que la volonté de recommencement ne risque en rien le nivellement.’ (*6)
Altes fallen lassen zwecks Neuerfindung, oder auch umgekehrt.
Wenn der Begriff ‚Surrealismus’ sich durch das Traumhafte und Unwirkliche(*7) bezeichnen lässt, kann man die CoBrA Bewegung nun doch nicht ganz als anti-surrealistisch darstellen. In vielen Werken erkennt man das Traumelement, bloß nicht mystisch dargestellt à la Breton, sondern kindhaft und bunt (siehe Karel Appels ‚Hip Hip Hoorah’) und mit einem Tropfen weniger Konfusion als für den Breton Surrealismus typisch war (‚Je lêve, tu lêves, nous rêvons’: Dotremont und Jorn, 1948). Der Hauch von etwas traumhaftem lässt sich aber (zum Beispiel) in ‚Danse d’espace avant la tempête’(*8) nicht verleugnen: es grenzt an abstrakte Kunst, vor dem sich CoBrA anscheinend fürchtete (*9), und in dessen Meer die Surrealisten nur allzu gerne eintauchten. Dazu muss erwähnt werden, dass dieses Bild acht Jahre nach CoBrA’s Auflösung erschienen ist, als sich die jeweiligen Künstler natürlich auch weiter oder anders entwickelt hatten.
Ein Unterschied wäre aber, dass die CoBrA Werke nicht gezielt unreal wirkten, sondern dass sie Produkte spontaner Inspiration waren. ‚(…) à donner plus de liberté à la création, à faire confiance à la spontanéité d’invention (…)’(*10) ‚Freiheit’ schien für CoBrA auf der Wichtigkeitsebene den Höhepunkt zu besetzen den das ‚Traumhafte’ für Surrealisten repräsentierte.
Wenn Bretons Surrealismus aus eine Reaktion zu der Realismus-geprägten Nachkriegszeit stammte(*11) wäre es stark nachvollziehbar, dass die avantgardistischere Bewegung CoBrA war. Sie wollten nicht auf die Kulturleere reagieren indem sie aus dem Realismus in eine unbewusste, surrealistische Ebene wandern. Sie wollten etwas Neues; etwas das nicht auf die Vergangenheit basiert ist oder sich gegen ihr strebt, sondern etwas dass die (unter anderem durch Krieg) vergessene Freiheit verkörpert und dadurch die Kreativität ihren freien Lauf überlässt.

^^
* =

1-Pierre Descargues in Cobra-singulier pluriel- Les Œuvres collectives 1948-1995, Geneviève François (Hrsg.) Paris 1998. S.12.
2-Manifeste du Surréalisme, Éditions du Sagittaire, 1924. Second manifeste du surréalisme, 1930, réédité en 1946. Dictionnaire abrégé du surréalisme- Photographies, illustrations, lettrines, Éditions Corti, Paris 1938.
3-Exposition Internationale du Surréalisme ; Beaux-Arts Galerie, Paris 1938. Le Surréalisme en 1947 ; Maeght Galerie, Paris 1947.
4-Cobra Museum für moderne Kunst in Amstelveen, CoBrA-Bewegung; http://www.iamsterdam.com/de/visiting/sehen/cobramuseum
5-Cobra écriture Peinture; Christian Dotrement in Cobra-singulier pluriel- Les Œuvres collectives 1948-1995, Geneviève François (Hrsg.) Paris 1998. S.7.
6-Pierre Descargues in Cobra-singulier pluriel- Les Œuvres collectives 1948-1995, Geneviève François (Hrsg.) Paris 1998. S.10.
7-Erstes Manifest des Surrealismus; André Breton, Paris 1924.
8-Karel Appel, 1959.
9-Angeblicher Brief von Dotremont an Jorn: Kein Exemplar auffindbar: The assault on culture, chapter 1: CoBrA (http://www.stewarthomesociety.org/ass/cobra.htm)
10-Pierre Descargues in Cobra-singulier plurie- Les Œuvres collectives 1948-1995l, Geneviève François (Hrsg.) Paris 1998. S.12.

11-Approche institutionnelle du premier surréalisme; Bertrand/Dubois/Durand, 1919-1924.

Schlafen/Aufwachen

Welch schreckliche Vorstellung, dachte ich bloß, und sagte nichts. Sie liefen davon und ich blieb stehen, wie immer, am selben Fleck. Doch sind wir schon alt genug uns darüber Gedanken zu machen? Ich glaube ich fürchte mich. Ziemlich intensiv, sogar. Es nützt hier auch wenig, mir irgendetwas erklären zu wollen, denn am Ende sitze ich dort und weine - dort, ja da drüben halt, wo ich allein sein kann.
Fluchen wollte ich, aber ich wurde doch so gut erzogen! Ich rauchte eine Zigarette (als ob dies Teil meiner guten Erziehung wäre) und traute mich nun doch darüber zu reflektieren, denn vorbereitet zu sein ist sicher die hervorstechende Präferenz. Oder nicht? Keine Ahnung. Unsere Eltern werden alt, hat er gesagt, und sie hat genickt! Alles Verräter… wozu hat man überhaupt noch Freunde, wenn sie nicht mehr dazu dienen, einen blind zu halten im Angesicht einer schaurigen Enthüllung? Wir sollten sie öfters besuchen, öfters anrufen, ihnen öfters unsere Liebe entgegenbringen; sie nicht so häufig anschreien, nicht wütend auflegen, nicht die Augen rollen… Ich nahm mir ein paar Jugendbilder meiner Mutter in die Hand, und fühlte die Jahre, die zwischen uns lagen. Ernsthaft, ich musste mich nicht einmal auf die Kleidung fokussieren, denn ihren Augen leuchteten mit einem gewissen Etwas, dass ich nie in echt gesehen habe; kindliche Freude, das Dasein-Ohne-Kind. Ihre Freundin auf dem Bild hat sie auf der Uni kennen gelernt, und jetzt weiß sie nicht wo sie wohnt - Kontakt haben sie seit circa dreißig Jahren nicht mehr gehabt. Dabei waren sie doch genau wie wir (!): rauchen, Uni, lachen, tanzen, versprechen, und die Welt mit allen momentanen Gegebenheiten als selbstverständlich sehen. Dann kam dies, und jenes, und plötzlich geht man auf die sechzig zu und spricht vom 'Jungbleiben'. Ich will nicht daran denken, denn ich bin jung und habe mir bis jetzt immer eingebildet, meine Zukunft, inklusiv altern, problemlos akzeptieren zu können, freudig zu erwarten, ihr sachte entgegen zu schlendern. Jungsein ist schön, es ist schwerelos, es ist so derartig präsent, dass wir es doch gar nicht in Frage stellen müssen/wollen, oder? Vor allem die jetzige Generation, verhüllt in der konstanten Ambivalenz des Bindungswahns: wir denken bis übermorgen, dort wo unsere Diplome noch wichtig sind, bis da drüben, wo wir ja nicht inakzeptabel wirken möchten. Wir denken schon, keine Angst, doch nicht an unsere Eltern, denn wir möchten nicht wahrnehmen, dass unsere Mütter irgendwann nicht am anderen Ende der Leitung sein werden, um unsere Klagen zu empfangen, und unsere Väter werden ja wohl niemals zerbrechlich sein! Welch lächerliche Einbildung.
Aber wenn es doch tatsächlich eine Zeit gab wo unsere Eltern so waren wie wir, so sorgfrei (lasst es uns zugeben…) und lustig, so Sexbesessen und 'jung', dann muss extrem viel Zeit vorbeigeflogen sein, und sie lauert dann auch sicher irgendwo und wartet auf eine Angriffsmöglichkeit. Sie wird herausspringen und uns allen in unserer egozentrischen Existenz anspucken, lachen, uns zum stolpern bringen und danach kopfschüttelnd in der Ecke Platz nehmen, um zu sehen wie wir von nun an vorwärts kommen. Ich möchte aber nicht angespuckt werden - wie grauselig! Steht man dazwischen irgendwann nachts auf und ertappt die Zeit, wie sie herumlungert und die Jahre vorspult? Erkennt man dann im Halbschlaf oder im Suff, wie sie uns hinterher spioniert, oder nicht? Ich will's wissen, und zwar jetzt sofort, denn in zehn Jahren bin ich doch erst Mitte dreißig, da können meine Eltern noch nicht alt sein, da brauch ich die ja noch, eventuell zum Babysitten oder zum mir Geld leihen. Ich will wissen in welchem Ausmaß die Traurigkeit mich überfallen wird, wenn ich meine Jugendbilder anschaue, und ob ich mich inmitten der ganzen Nostalgie trauen werde, sie überhaupt irgendjemandem zu zeigen, der nicht genau so viele Falten hat wie ich.
Ich fluchte doch, und rief meine Mutter unter Tränen an, schluchzte dass ich sie doch so liebe und möge sie mich bitte nicht so bald verlassen? Welche Drogen nimmst du, schrie sie zurück und ich brachte keine Wörter raus, denn wenigstens war sie ja noch da! Und bei Sinnen genug um mit mir zu reden, welch Glück! Welch Glück… ich legte auf und weinte weiter, denn das Jetzt war mir nun doch allzu kurz und zeitverwandt, ich will mich nicht in einer anderen Konstellation wiederfinden, die Uni ist doch auch nutzlos und wie schon erwähnt, Freunde sowieso (ich bedanke mich für diesen Gedankenfluss sowieso bei jenen, die es mir gegenüber zu erwähnen trauten…) und die Liebe, ach wir wissen doch alle, dass es sie nur damals gab, als unsere Eltern so alt waren wie wir, und dann haben sie sie aufgegessen und unter sich verteilt, und was übrig blieb ist gar nichts, und das haben wir auch davon. Und überhaupt, unsere Generation ist ja bekanntlich eine Verschwendung von den Höhepunkten, die das Leben zuvor hatte, und vorzuweisen haben wir sowieso nichts, und zu demonstrieren traut sich ja keiner, und in hundert Jahren lacht die dann-zeitige Welt ja bloß über uns…
Hört auf mich aufzuwecken! Schlafen kann ich gut.

Wie man als Berliner in Wien einen Tag überlebt



Berliner Schnauze trifft Schmäh
geschrieben von einer Exilberlinerin


„Willkommen in Wien Schwechat“, näselt der Pilot, als die Maschine auf dem Rollfeld anhält und die Anschnallzeichen erlöschen.
Wenn man es nicht schon längst auf dem knapp eine Stunde andauernden Flug ertragen musste, wird man spätestens jetzt die nasalen für einen Wiener typischen Geräusche hören. Denn jetzt fühlen sie sich wieder wohl auf österreichischem Boden und fangen an zu schnattern, wie es sich für Wiener gehört. Laut, knatschig und beinahe aggressiv.

„Ma geh herst. Das Wetter ist ja ur leiwand!“ (Meint: „boah, guck mal, das Wetter ist ja richtig geil!“)
Das denken aber auch nur die hier geborenen Wiener. Für den Berliner fühlt es sich in der brüllenden Hitze an, als würde er seinen Kopp in 'nen kochenden Kessel stoppen.
Der gemeine Berliner steigt aus, quetscht sich in den meistens überfüllten Bus, der einem vom Flugzeug zum Terminal bringt und schiebt sich an den prinzipiell nicht aus dem Weg gehenden Wienern vorbei zum Kofferband.
Die meisten Wiener stehen schon in der ersten Reihe, während der Berliner wahrscheinlich mit einer 'leck mich am Arsch'-Miene in Richtung Bad wandert („Meen scheiß Koffer kommt erst, wenn ick dafür bereit bin.“) Sobald er rauskommt, fahren die Koffer schon an ihm vorbei und der Berliner kann mit einer Seelenruhe seinen Rucksack/Koffer/Tasche vom Band nehmen, stößt dabei aus Versehen irgendjemanden an, bei dem er sich mit einem genuschelten „'Tschuljiung“ (WENN überhaupt) entschuldigt. Und hier kommt die erste Verwirrung. Der Wiener wird ein beinahe arrogantes „Bitte“ hinterhersetzen - und Bitte, Bitte, lieber Berliner, du solltest hier nicht gleich zuschlagen, weil du dir uffn Schlips jetreten fühlst. Hier heißt das „Bitte“ nämlich so viel wie: „Entschuldigung angenommen.“ Kein Grund für Stress also.
Dem Berliner wird schon jetzt auffallen, dass die Wiener wahrscheinlich schrecklich gehetzt und genervt tun. Der Berliner wird in sich hineingrinsen.
Für ihn sind die Wiener immer langsam. Woran man einen Berliner am besten in Wien erkennt? Er scheint im Gegensatz zu seinen Mitmenschen in dieser Stadt immer irgendwie einen Marathon zu laufen, während die Wiener eher versuchen einen Rekord im Schneckentempo aufzustellen. Würden sie noch langsamer laufen, würden sie rückwärts gehen.

Der Berliner sollte sich jetzt ein Ticket am CAT kaufen (10€ für eine Tour, also regt er sich auf, denkt sich „Wattn dit für ne Scheiße hier, Alter?“, läuft an den grünen Automaten vorbei und geht zur S-Bahn. Das ist weitaus günstiger, dauert zwar 'n bisschen länger, aber man kann sich die schöne Wiener Umgebung angucken. Vor allem für smogverseuchte Berliner eine Wohltat, die das große, grüne Brandenburg ja auch am liebsten meiden, aufgrund ihrer Berliner Arroganz und der viel zu hoch getragenen Nase – aber das ist eine andere Geschichte.)

In der S-Bahn angekommen (S7 Richtung Floridsdorf bis Wien Mitte, wo man dann in die U3 oder U4 einsteigen kann.), lacht sich der Berliner wahrscheinlich erstmal über die schrecklich lächerlichen Ansagen in der S-Bahn kaputt (wenn man sie überhaupt mal versteht) Ja, das Näseln und Knatschen und Quaken wie von einer erdrosselten Ente ist in diesem Fall normal.
Nicht erschrecken, ein Kontrolleur kommt beinahe immer vorbei. Falls hier der Berliner schwarz fahren will, sollte er entweder gut im Kilometergeld verdienen sein, oder es ganz bleiben lassen. Kontrolleure kommen mit beinahe hundertprozentiger Sicherheit immer – aber wer es vorzieht zu rennen, keine Sorge, sie dürfen nicht in zivil kontrollieren , sondern tragen eine schicke Uniform, an denen man sie augenblicklich auf hundert Meter Entfernung im Gegenlicht erkennen kann.

Hat der Berliner die S-Bahnfahrt hinter sich gebracht, will er sich vielleicht nach Verstauen seines Gepäcks in seiner neuen Bleibe, 'nen Kaffe bestellen.
Nach dem „Hallo“ beim Betreten des Cafés/Bäckers/Restaurants/Beisls wird er sofort als „Nicht-Österreicher“ identifiziert und der Herr Ober wird es einem besonders schwer machen, denn sie sind sadistische Menschen, die jede noch so kleine Macht ausnutzen. Tarne dich, Berliner und sage „Grüß Gott“ oder „Servus“.
Jetzt kommt die nächste Hürde. Es reicht nicht, in ein Café/Bäcker/Restaurant/Beisl zu gehen und „Ick hätt jern nen schwarzen Kaffe mit Milch“ zu sagen. Der Berliner wird komisch angeguckt und mehr oder minder freundlich aufgefordert, seine Bestellung zu wiederholen. Aber hier gibt es keinen schwarzen Kaffee, da kann sich der Berliner Kopf stellen.
Hier gibt es einen kleinen oder großen Braunen, einen Verlängerten, eine Melange (DAS ist der Kaffee mit Milch) und zwar nicht mit oder ohne Sahne, sondern Schlagobers. Wer sich sicher sein will, bestellt einfach einen Cappuccino oder Latte Macchiato. Damit ist der Berliner auf der sicheren Seite. Globalisierung ahoi!
Wahrscheinlich hat der Berliner jetzt Hunger. Wenn er sich nicht beim Bäcker etwas holen will, weil er wahrscheinlich auch hier bei der Bestellung einer „Schrippe“ und eines „Croissants“ scheitert, weil er nicht „Semmel“ und „Pariser Kipferl“ bestellt hat, düngt es ihm vielleicht mehr nach etwas herzhaftem. Er sollte sich jetzt schon bewusst sein, dass er sich von den „Kebaps“ fernhalten sollte, wenn er nicht eine absolute Geschmacksverirrung und Ekelattacke erleiden will. Merke: Döner – absolutes No Go!
Auch Currywürste, die irgendwie annähernd dem ähneln, was der Berliner kennt und liebt, sucht man hier vergeblich. Er sollte aber todesmutig genug sein und bei jedem beliebigen Würstl-Stand eine Eitrige mit 'nem Sechzehnerblech bestellen (ein Würstchen mit Käse innen drin und einem Bier aus Ottakring, dem 16ten Bezirk von Wien, wo das Ottakringerbier herkommt. Übrigens! Der Berliner sollte keine Wiener Würstchen bestellen, außer, er macht sich auf eine sehr nicht jugendfreie Überraschung gefasst, wenn er dennoch den Drang nach ner Wiener verspürt, sollte er lieber eine Frankfurter ordern.)
Gestärkt wird der Berliner sich jetzt die Stadt anschauen wollen. Zu empfehlen wären für den richtigen KuK-Flair der erste Bezirk rund um den Stephie, wie der gemeine Wiener sagt, (meint: Stephansdom) erkunden. ACHTUNG: teure Preise für Kaffee und Kuchen. Hier kommt sich der Berliner ein bisschen ranzig vor, denn er steckt mitten in der Schickeria von Wien. Hier und da wird der Berliner sich verwirrt umsehen, denn er wird annehmen, dass er sich bis nach Rußland verlaufen hat. Immer wieder kommen ihm russische Frauen entgegen, die Pelz auch im Hochsommer tragen. Große Sonnenbrillen, lächerlich teuer, geschmacklich nicht ganz eindeutige Handtaschen, noch lächerlicher und noch teurer. Aber keine Sorge, das sind nur Touristen, wie du auch, lieber Berliner.
Für einen netten Spaziergang kann er durch den Burggarten wandern und wenn er sich mal angucken will, wo Sissi und Franzl gewohnt haben, sollte der Berliner Richtung Hofburg schlendern (bzw. hasten, während die Wiener schlendern), von wo er auch gut das Museumsquartier (im Volksmund das MQ) und die Mariahilferstraße (der Ku'damm Wiens) erkunden kann.
Im Sommer sollte man sich abends vom MQ fernhalten, sofern man nicht zwischen abertausenden, trinkwütigen Studenten sitzen will, die gern mal anfangen zu tanzen, zu singen und sich laut und für alle sichtbar streiten. Wer allerdings genau das liebt – Bitte, jeder darf kommen, mit Decke und Alkohol und es sich entweder auf dem Boden oder den Enzis bequem machen, während er vor den alten Hofstallungen von Franz und Sissi sitzt und sich einen reinstellt.
(Merke, Berliner: Willst du auf Toilette gehen, sei nicht dumm und zahl 50Cent für das öffentliche Klo, geh ein paar Meter weiter und in die „Kantine“, da kümmert es niemanden, ob du als Mädchen aufs Männerklo gehst oder umgekehrt. Jenachdem, wo zuerst frei ist. Und hier zahlst du nix!)

Sollte es im MQ irgendwann zu langweilig werden, steht der Berliner auf und geht neben dem Leopoldmuseum die Treppen rauf und dann nach links, wo er früher oder später (je nach Grad seiner Alkoholisierung) auf das „Donau“ stößt. Eine kleine schwarze Tür, die im Sommer meistens offen steht.
Hier setzt sich der Berliner rein, bestellt ein Bier oder einen weißen Spritzer (Weißweinschorle) und lässt sich von Electromusik und komischen Bildern an der Wand berieseln (an alle Mädels: Guckt euch die Toilette an, die ist der Wahnsinn, wenn man ein bisschen angedüdelt ist!).
Sicher wird ein leicht angesoffener Wiener auf den Berliner zukommen und ihn fragen: „E, host an Tschick?“
Der Berliner wird ihn komisch anschauen. „Watt haste jesacht?“
„Ma geh, bist du deppert oder wos? Host an Tschick, hob i gfragt.“
„Ick vasteh dir nich.“
Dann wird es bei dem Wiener im Gehirn 'Klick' machen und er fragt den Berliner.
„Bist a Piefke?“
Der Berliner sollte einfach „Ja“ sagen. Piefke ist nicht unbedingt die feine englische Art, aber der Berliner sollte sich dran gewöhnen und nicht so etwas entgegnen wie „Bauer“ oder „Schluchtenscheißer“. Das gibt nur Stress und er wird wahrscheinlich früher Gott grüßen, als ihm lieb ist.
Dann schaut der Wiener den Berliner beinahe mitleidig an und plötzlich scheint sich sein Sprachbild zu verändern.
Er scheint seinen Mund ein bisschen mehr auf zu machen, das Nasale rauszunehmen und besonders deutlich, langsam und dabei etwas bescheuert sprechen: „Hast du ei-ne Zi-ga-ret-te?“
Er wird jede Silbe betonen und der Berliner wird verwirrt blinzeln, sich denken, ob der nicht ganz sauber tickt und ihm eine Zigarette reichen (die hier übrigens immernoch nur 4€ kosten, aber VORSICHT bei den Automaten: steckste 10€ rein, wirste gezwungen zwei Schachteln zu kaufen, lieber Berliner!)
Wahlweise wird dich ein Wiener auch fragen, ob du was zum Wuzzeln hast (Nein, das ist kein perverskonnotiertes Wort. Es ist einfach das Äquivalent für das Drehen einer Zigarette!).
Oh ja, richtig erkannt, der Berliner darf überall seine Rauchwut ausleben!

Der Berliner und der Wiener unterhalten sich, merken, dass sie doch gar nicht so unterschiedlich sind, weil sie beide mit einer großen Schnauze geboren sind, aber mit zwei verschiedenen Arten von Humor, tanzen und stoßen miteinander sehr überschwänglich und freudig auf eine Deutsch-Österreichische-Haupstadt-Freundschaft an.
Spätestens um 4 Uhr morgens wird dem Spaß ein Ende gemacht, da die Sperrstunde greift (Ja, der Berliner sollte sich daran gewöhnen). Entweder, er fährt jetzt U-Bahn (das geht nur am Wochenende) oder Nightline Richtung Heimat.
Oder aber, er hat noch nicht genug und wandert in Richtung Gürtel (genauer in diesem Fall: Josefstäder Straße) wo das „Café Concerto“ wartet, um von dem Berliner überfallen zu werden.

Der Berliner sollte sich nicht erschrecken. Hier herrscht eine Restplatzbörse par excellence. Er sollte sich nicht wundern, wenn er kurz nach dem Betreten der Ranzkneipe sofort angequatscht/gepöbelt wird.
Er bestellt sich ein Augustiner, setzt sich irgendwohin und verfolgt mit großem Erstaunen, dass auch im ach so braven, klein karierten Wien die Leichen und Nachtgestalten aus ihren Löchern kriechen.

Wahrscheinlich wird der Berliner dann irgendwann aus den Fenstern blicken, schockiert die Sonne sehen und sich denken „Scheiße, Alter, ick muss nach Hause.“

Der Berliner torkelt aus dem Concerto, wahrscheinlich mit etlichen Telefonnummern und Liebesbriefen in der Hosentasche und zieht Richtung Heimat von dannen.
Auf dem Weg in Richtung Heimat kommen dem Berliner gefühlte eine Million Läden entgegen, die alle noch geschlossen haben. Er ist von Hunger geplagt, klebt an den Schaufenstern und rüttelt ungeduldig an den Türen.
Eine junge Verkäuferin kommt raus, sieht ihn süffisant grinsend an und fragt ihn, was er haben will.
„'N Kaffe.“
„Gibt es noch nicht.“
„Was jibst denn?“
„Semmeln.“
Der Berliner hat keine Ahnung, was das sein soll - offensichtlich hat er das heute Gelernte nicht behalten oder sich aber erfolgreich weggesoffen.
Ihm bleibt also nichts anderes übrig, als auf die ominöse und noch warme Semmel zu warten, zu zahlen und überflüssigerweise der Bäckerin auch noch Trinkgeld entgegen zu schieben.
Die Semmel ist warm, dem Berliner auch, weil die Sonne jetzt schon viel zu hoch steht, als er halbwegs zufrieden auf einer Bank niedersinkt und gegen die Sonne blinzelt.
Er hebt die Hand zur Sonne, winkt und nuschelt mit einem schiefen Grinsen. „Grüß Jott!“, bevor er sich den Rest der Semmel in den Mund schiebt und zerstört nach Hause wandert.